Wenn das Refraktometer lügt
Ölkonzentration zu hoch?
Wenn das Refraktometer lügt
Wenn das Refraktometer lügt
Warum ein hoher Ölwert im Kühlschmierstoff kein Grund zur Freude ist
Lesezeit: ca. 5 Minuten · Schlagworte: Kühlschmierstoff, Refraktometer, Messtechnik, KSS-Pflege
In der CNC-Bearbeitung gehört das Refraktometer zur Routinekontrolle. Doch eine Messreihe an einer unserer Maschinen zeigt: Was das Gerät anzeigt, ist nicht zwangsläufig das, was wirklich im Tank ist. Ein Werkstattbericht über eine scheinbar paradoxe Beobachtung.
Das Refraktometer ist das Standardwerkzeug in jeder Werkstatt. Schnell, einfach, scheinbar zuverlässig. Wir tropfen eine Probe Kühlschmierstoff auf das Prisma, schauen hindurch und lesen ab: 9,8 Prozent. Alles in Ordnung. Intuitiv denkt man: je höher die Anzeige, desto mehr Öl, desto besser der Schutz für Werkzeug und Werkstück.
Doch eine Messreihe an unserer Hermle C 400 U bringt uns ins Grübeln. Wir dokumentieren wöchentlich die Werte. Seit September 2025 bis Mai 2026 wurde der Tank fast ausschließlich mit Wasser nachgefüllt – nur sehr wenig Konzentrat, kein Komplettwechsel. Nach klassischem Verständnis müsste der Ölanteil also kontinuierlich sinken.
Was die Daten zeigen
September 2025: 7,8 Prozent. März 2026: 9,8 Prozent. Mai 2026: 11,2 Prozent.
Eine Steigerung um mehr als drei Prozentpunkte – ohne dass viel Konzentrat zugegeben wurde. Wie kann das sein?
Was wirklich gemessen wird
Die Antwort liegt in der Funktionsweise des Refraktometers. Es misst nicht „Öl“, sondern den Brechungsindex einer Flüssigkeit. Und dieser Brechungsindex wird von allem beeinflusst, was sich in der Lösung befindet – nicht nur vom Öl.
Bei einer frisch angesetzten Emulsion ist die Anzeige tatsächlich ein guter Indikator. Aber je länger eine Emulsion in Betrieb ist, desto mehr Begleitstoffe reichern sich an, die das Refraktometer ebenfalls erfasst:
• Calcium- und Magnesiumseifen aus der Reaktion der Wasserhärte mit den Fettsäuren des KSS
• Anorganische Salze aus dem Leitungswasser
• Abbauprodukte der Aminseifen und anderer Bestandteile
• Eingeschlepptes Fremdöl aus Hydraulik und Spindel
• Feinststäube und mikroskopische Spanpartikel
All das addiert sich auf den angezeigten Wert. Das Refraktometer wird mit zunehmender Standzeit also systematisch höhere Werte anzeigen, ohne dass tatsächlich mehr Öl im System ist.
Warum das nicht nur akademisch ist
Wer dem Refraktometer blind vertraut, glaubt, gut versorgt zu sein – während der echte Wirkstoffanteil unter eine kritische Grenze sinken kann. Das hat handfeste Folgen: Korrosionsschutz und Bakteriostase brechen zusammen, Calciumseifen lagern sich an Maschinenteilen ab und können Filtersysteme zusetzen. Werkzeugstandzeiten leiden, ohne dass die Anzeige darauf hinweist.
Was hilft
Refraktometer-Messungen bleiben wertvoll – aber als Trend, nicht als absoluter Wert. Wer länger als drei Monate mit derselben Emulsion arbeitet, sollte die Anzeige durch eine ehrlichere Methode ergänzen: die pro move GmbH setz dabei auf das Labor von Zeller Gmelin.
Wir setzen diese Erkenntnisse in unserer eigenen Produktion um und integrieren sie schrittweise in unser AutoKSS-System, das wir derzeit zur Marktreife entwickeln. Denn wer Daten kontinuierlich erfasst und über Sensorik nicht nur den Brechungsindex, sondern auch Leitfähigkeit und pH-Wert überwacht, erkennt Drifts früh und kann gezielt eingreifen, bevor die Emulsion umschlägt.
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KERNAUSSAGE Ein hoher Brix-Wert ist kein Beweis für eine gesunde Emulsion. Manchmal ist es genau das Gegenteil – ein Warnsignal, dass sich Stoffe angereichert haben, die nicht hineingehören. |
